„Die Irre von Challiot“

- von Jean Giraudoux
Ein pittoreskes Fantasiespiel, das die Entzauberung der zweckhaften Manager-Welt zu einem Mittel poetischer Verzauberung macht, hat Jean Giraudoux der Nachwelt nach seinem Tode hinterlassen.

Jean Giraudoux („Es gibt Völker, die träumen; denen aber, die nicht träumen, bleibt das Theater.“) lebte von 1882 bis 1944. Als Mann im diplomatischen Dienst kannte er die Welt, die Politik. Frankreich und Deutschland galt seine Liebe: „Frankreich zur Poesie zu bekehren, Deutschland zur Vernunft – ist das nicht fast die gleiche Aufgabe?“ Giraudoux erweist sich mit seinem Stück „Die Irre von Challiot“ als Seher einer Zukunft, die Menschen in zwei Lager spaltet – die Reichen und die Armen. Sein märchenhaftes Stück ist 60 Jahre nach seiner Entstehung in unserer gesellschaftlichen Situation hoch aktuell. Giraudoux schildert die Skrupellosigkeit von Börsenspekulanten und Profithaien, die unter dem Boden von Paris Ölquellen vermuten. Dummerweise sehen andere Menschen in Paris ein Kulturzentrum der Menschheit, das wiederum andere bewachen und pflegen. Also plant die Bande von gleichgesinnten Geschäftemachern, Paris in die Luft zu sprengen, um an das Öl zu kommen. Das bekommt die „Irre von Challiot“, die alte Gräfin Aurélie, zugetragen. Gemeinsam mit ihren Freundinnen – Constance, die „Irre von Passy“, Gabrielle, die „Irre von Saint-Sulpice, und Joséfine, die „Irre von La Concorde“ – und den einfachen Menschen von Challiot (Kellner, Tellerwäscherin, Schuhbandverkäuferin, Blumenmädchen, Kloakenreiniger, Lumpensammlerin, Straßenmusikantin) beschließt sie, die Stadt vor den Geschäftemachern zu retten. Sie lockt diese Bande, Mann für Mann, durch einen Trick in den Keller ihres Hauses, wo sie nicht beim erhofften Ölfund landet, sondern für immer in den todbringenden Kloaken von Paris verschwindet.

Geschlechterkonflikt, Ich-AGs (Lumpensammlerin, Schuhbandverkäuferin, Blumenmädchen), Globalismus, Hartz IV-Empfänger und rücksichtslose Manager: all das, was uns heute so existentiell beschäftigt und belastet, hat im Märchen von der Irren von Challiot schon seinen Platz. Die Rettung des Individuums vor dem Kollektivismus – bei Giraudoux gelingt es nur im Märchen. Auch wenn diese „Irre“ in einer brutalen, mechanisierten Geschäftswelt, die sich nur noch auf eine materialistische Vernunft beruft, die einzige wahrhaft „Vernünftige“ ist: sie irrt darin, dass sie meint, die ganze Menschheit gerettet zu haben. Giraudoux hat dieses Stück mit humorvollen und geistreichen Dialogen ausgestattet, unsere Inszenierung strafft und arbeitet die Gegensätze heraus, Musiker und Bühnenbild werden uns in die Stimmung des Pariser Stadtteils entführen – also: es lohnt sich die 7 Aufführungen im März 2006 zu besuchen.