Bernarda Albas Haus

- Die Tragödie spanischer Frauen in den Dörfern –

von Federico García Lorca

„Ich halte das Grauen unter diesem Dach nicht mehr aus, nachdem ich den Geschmack seines Mundes gekostet habe. Ich werde sein, was ich will. Das ganze Dorf gegen mich und mich mit feurigen Fingern brandmarkend, verfolgt von denen, die behaupten ehrbar zu sein, und ich setze mir die Dornenkrone derer auf, die von einem verheirateten Mann geliebt werden“.

So sagt es Adela, Bernardas Tochter, im neuen Stück der „Klosterbühne“.

Adelas Vorstellung von persönlicher Erfüllung ist die, welche der Dichter während seines ganzen kurzen Lebens von 38 Jahren sich selbst und denen, die ihm wichtig waren, empfahl. „An dem Tag, an dem man aufhört, gegen seine Instinkte zu kämpfen, an dem Tag hat man gelernt zu leben“, hatte er 1933 mit Nachdruck gesagt.

Das Stück beginnt und endet mit Bernarda Albas laut gerufenem Befehl: „Schweigen!“ – beim ersten Mal, um die öffentliche Äußerung von Kummer zu ersticken, beim zweiten Mal, damit eine Lebenslüge unwidersprochen bleibt.

Zwei Monate nach Vollendung von „Bernarda Albas Haus“ (1936) wurde García Lorca von Leuten umgebracht, deren Gesinnung der seiner Tyrannin im Stück entsprach. Und das Franco-Regime erzwang vierzig Jahre lang Schweigen über die Umstände seines Todes.

Zum Inhalt des Stückes:

Die 60jährige Bernarda Alba ordnet nach dem Tod ihres Mannes für ihr Haus eine achtjährige Trauer an: ihre fünf Töchter, zwischen zwanzig und neununddreißig Jahre alt, können inzwischen an ihrer Aussteuer sticken. Nur die Älteste hat eine Chance, dem Hausarrest zu entkommen: sie ist verlobt mit Pepe und darf, gemäß der Sitte, durch das vergitterte Fenster mit ihm sprechen. Pepe aber will sie nur wegen ihres Vermögens heiraten und liebt die jüngere Schwester Adela. Adela bricht aus der Gefangenschaft aus, sie trifft sich mit Pepe im Stall.

Die Katastrophe muss aus dem von Bernarda Alba angeordneten Zustand notwendig folgen: der ausgesperrte Mann ist durch seine Abwesenheit stärker, als er es durch körperliche Anwesenheit je sein könnte.

García Lorca schildert mit ausgezeichneter Kenntnis der weiblichen Psyche, wie der vermeintliche Gehorsam gegenüber der Mutter durch die Phantasien und Bedürfnisse der Töchter sich immer mehr zu einer Revolte gegen die auferlegten Normen und Konventionen entwickelt.

Dieses in hervorragender Dramatik zu zeigen, ist die Stärke des Dichters. Die Nöte der Töchter werden in den Wahnvorstellungen der 80jährigen Großmutter, die ausbrechen will, um einen Mann zu heiraten, grotesk ausgesprochen.

García Lorca zeigt in seinem Stück, wie sich die Konventionen, die ursprünglich dem Einzelnen Rückhalt geben sollten, in das Gegenteil umkehren, wenn sie von Machtmenschen zur Unterdrückung anderer missbraucht werden.

Hier sind ganz aktuelle Bezüge zu den Dramen, die sich in konservativ-muslimischen Familien auch in Deutschland abspielen. Vor 70 Jahren herrschten im konservativ-katholisch bestimmten ländlichen Spanien ähnliche Machtstrukturen, die aus den Frauen wehrlose Opfer machten. Deswegen nennt Lorca sein Stück im Untertitel: „Frauentragödie in spanischen Dörfern“.

Ein spannendes Stück, das die seelischen Tiefen menschlicher Bedürfnisse aufdeckt.

Es schildert den Befreiungskampf der Frauen schlechthin. Adela, die am Ende das Symbol von Bernardas Macht, den Stock, zerbricht, ist zweifellos die revolutionärste aller Frauengestalten Lorcas. Sie lehnt einen Ehrenkodex ab, der verlangt, den Schein um jeden Preis zu wahren, und auf dem Glauben beruht, dass Männer den Frauen überlegen sind. Adela besteht auf ihrem unumschränkten Recht auf ihre eigene Sexualität („Ich mache mit meinem Leib, was ich will!“), und es ist angesichts der in Lorcas Frühwerk grundlegenden und im späteren Schaffen stets gegenwärtigen Identifikation mit dem leidenden Christus vielleicht nicht überraschend, dass sie ihre Bestimmung darin sieht, im Sinne christlichen Verzichts ihr wahres Selbst zu leben.